Exzessive Handy bzw. Smartphone Nutzung – Sucht oder Teil der Jugendkultur und Identität?

Exzessive Handy bzw. Smartphone Nutzung - Sucht oder Teil der Jugendkultur und Identität?

Viele werden diese Szene kennen „Leg endlich das Ding weg!“ – Antwort: „gleich“ – derzeit wahrscheinlich einer der meistgebrauchtesten Sätze in Familien. Manchmal enden solche Szenen leider in gegenseitigen Vorwürfen, Streit und mitunter auch in Zerwürfnissen. Diese leidvollen Erfahrungen unter den Beteiligten können in weiterer Folge zu andauernden Disharmonien und noch mehr Rückzug innerhalb der Familie führen.

Der Kampf ums Smartphone, das endlich mal weggelegt werden sollte, beansprucht viel Raum und Zeit in der Familie. Die Eltern haben das Gefühl, dass ihre Kinder ständig abwesend sind, befürchten einen Kontrollverlust, da sie nicht genau wissen, was da digital eigentlich wirklich abläuft, oder befürchten sogar eine Suchtverhalten ihrer Kinder. Auch schulische Misserfolge werden als Ursache auf eine exzessive Smartphone Nutzung zurückgeführt. Die Kinder wiederum fühlen sich durch die oftmals vorwurfsvolle Kritik bezüglich des Handy-Nutzungsverhaltens in ihrer Autonomie eingeschränkt und empfinden es als mangelnden Vertrauensbeweis – die „uncoolen“ Eltern nerven sie, da sie ohnedies alles unter Kontrolle hätten. Das Smartphone ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern ein Teil der Jugendkultur – auch ein Medium zur Selbstdarstellung: Coole Cover und Hüllen, individuelle Klingeltöne vermitteln ein Stück weit Identität.

Den Satz „mein Kind ist Handy süchtig“ höre ich sehr oft im therapeutischen Alltag – Eltern machen sich einfach Sorgen um ihre Kinder.

Aber was ist Sucht? Wenn sich zwei Freunde an einem regnerischen Tag die Zeit mit mehreren Stunden Computerspielen vertreiben? Oder die Präsenz in sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat, WhatsApp, führen ebenso zu vermehrter Smartphone Nutzung, da die Erreichbarkeit zur Angewohnheit geworden ist.

Gehen die jungen Menschen noch anderen Interessen bzw. Hobbys nach, werden regelmäßig soziale Aktivitäten unternommen und ein adäquater Freundeskreis vorhanden ist, kann man noch nicht von Sucht sprechen. Jedoch besteht die Gefahr, dass durch die ständige Präsenz in sozialen Netzwerken das Alleinsein verlernt wird. Die jungen Menschen halten sich am Smartphone fest und müssen nicht mehr über sich selber nachdenken.

Kritisch wird es, wenn sich die jungen Menschen aus der realen sozialen Welt zurückziehen, um dem exzessiven Computersielen bzw. der Smartphone Nutzung nachgehen zu können – Freunde, Familie, Schule, Beruf werden vernachlässigt, trotz der negativen Konsequenzen wird weitergespielt.

Auf Betreiben der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wurde die Computerspielsucht am 18. Juni 2018 offiziell als Krankheit „Gaming disorder“ in die 11. Auflage der „Internationalen Klassifikation von Krankheiten“ (ICD) aufgenommen.

Wie kann die Psychotherapie in solchen Situationen helfen? Es geht in der Psychotherapie auch darum, den Jugendlichen und Eltern diese Konfliktzustände bewusstzumachen und neue Handlungsalternativen, Rollen, im Umgang mit der Problematik zu entwickeln. Atmosphärische Störungen innerhalb der Familie können sich dadurch auflösen, damit sich der Raum für ein herzliches aufeinander zugehen wieder entfalten kann. In der Psychotherapie sollte auch ein vorliegendes Suchtpotential abgeklärt werden, das in weitere Folge auf Wunsch psychotherapeutisch behandelt werden kann.

Verwendete Literatur:

Yazdi, K. (2013). Junkies wie wir (3 Ausg.). Wien: Edition a.

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